Kath. Kirche St. Bonifatius
Seeheim-Jugenheim


Labyrinth zu Ostern 2003

Labyrinthtypen

Die Spirale

Die Spirale ist noch älter als das Labyrinth. Sie dreht sich ohne Wendung zur Mitte und ist daher einfach von einem Labyrinth zu unterscheiden. Der Wirbel des Wassers, das Schneckenhaus, die Anordnung der Sonnenblumensamen sind nur einige Beispiele der weiten Verbreitung der Spirale in der Natur. Wir finden die Spirale schon in der Steinzeit als Felsritzungen und noch älter als Grabbeigabe eiszeitlicher Jäger in Sibirien (vor ca. 24.000 Jahren). Spirale und Labyrinth sind sich also nicht nur in der Form, sondern auch von ihrer Bedeutung her ähnlich.


Das Labyrinth - ein uraltes Zeichen

Das Labyrinth gehört zu den ältesten symbolischen Zeichen der Menschheit. Seit Jahrtausenden wird es in Felsen oder Ton geritzt, auf Keramiken gemalt, mit Steinen am Boden ausgelegt oder in alte Handschriften gezeichnet. Das Labyrinth entstand im Mittelmeerraum. Das älteste Labyrinth, das man datieren konnte, fand man bei Ausgrabungen in Pylos in Griechenland (vor 3200 Jahren). Labyrinthe tauchen in viele Kulturen auf, davon zeugen z.B. bronzezeitliche Felsritzungen, knossische Münzen, römische Mosaiken, mittelalterliche Handschriften. Labyrinthe findet man nicht nur in Europa, sondern auch in den Kulturen der anderen Kontinente. Das Labyrinth findet sich sowohl im kretischen Tanz und in skandinavischen Troja-Burgen, als auch in der Magie Indiens und Sumatras, sowie bei den Hopi-Indianern im Südwesten der USA. Am Ende unseres Jahrhunderts erlebt das Labyrinth erneut eine Renaissance.

Das römische Labyrinth

In der römischen Mosaikkunst entwickelt sich ein eigener Labyrinthtyp, der den gleichmäßigen Mäandermustern angepaßt ist. Vom Eingang aus wird jeweils ein Quadrant des Labyrinths komplett durchschritten, bevor der Weg in den nächsten Quadranten führt. Das römische Labyrinth kann mehr als einen Gang haben. Später wurden die Labyrinthe immer prachtvoller ausgeschmückt. Umfangreiche Dekorationen mit Mäandern und Blumen, dazu meist in der Mitte eine Abbildung der Szene wie Theseus den Minotauros erschlägt. Manche Labyrinthe weisen einen Konstruktionsfehler in der Linienführung auf, was offenbar weder Künstler noch Auftraggeber störte. Nicht der Inhalt war gefragt, sondern die schmuckvolle Gesamterscheinung.

Das Labyrinth im Christentum

Das Christentum hat das Labyrinth schon früh in seinen Symbolschatz aufgenommen. In einer der ältesten erhaltenen Kathedralen der Welt, der 324 n. Chr. erbauten Reparatus-Basilika in El Asnam in Algerien gibt es ein Bodenmosaik mit einem Labyrinth römischen Typus und einem Spruchspiel in der Mitte. Das Labyrinth hat eine Kantenlänge von 2,5 m und ist als Bodenmosaik im Eingangsbereich gegenüber dem Nordportal ausgelegt. In der Mitte befindet sich keine Abbildung des Theseus, sondern ein faszinierendes Buchstabenlabyrinth. Vom Mittelpunkt aus, ist in jede erdenkliche Richtung insgesamt über 3000 mal das gleiche Wort "Sancta Ecclesia" zu lesen. Es ist, als ob damit ausgedrückt werden soll, dass Christus den Kampf mit dem Ungeheuer für die Menschen gewinnt, und in der Umkehr zu neuem Leben führt. Von ihm aus wächst in jede Richtung die "Santo Ecclesia" - die Heilige Kirche.

In frühmittelalterlichen Handschriften finden sich immer wieder Labyrinthdarstellungen. Die ältesten Überlieferungen verwenden das Labyrinth kretischen Typs. Mit der Zeit verändert es seine Form. In den Handschriften der karolingischen und nachkarolingischen Zeit wird die Labyrinthfigur ausgeformt. Das kretische Labyrinth erhält endgültig die christlich inspirierte Kreisform. Otfrid von Weißenburg hat in seiner Evangelienharmonie (863-871) das Labyrinth auf elf Umgänge erweitert. Auf dem Vorsatzblatt des von ihm 868 n. Chr. erstellten Evangeliars findet sich das Labyrinth mit einem Durchmesser von 18 cm. Eine zweite Abbildung zeigt eine Kreuzigung, die in Farbe und Größe mit dem Labyrinth korrespondiert. Länge und Breite des Kreuzes sind so bemessen, dass es geanu in den äußeren Ring des Labyrinths hineinpasst. Otfrid selbst interpretiert es so: " Das Maß des Kreuzes ist dem Kosmos eingeprägt. Es misst die Welt aus; es ist die Struktur der Welt, die in die Hände Christi gegeben ist. Es zeigt an, dass Christus der Herr der Welt geworden ist".

Das gotische Labyrinth

In der Gotik erlebte das Labyrinth eine Blütezeit und wurde in vielen gotischen Kathedralen eingebaut. Das gotische oder mittelalterlich-christliche Labyrinth ist dadurch gekennzeichnet, dass Kreis- und Kreuzmitte miteinander verschmelzen. Das Kreuz rückt in den Mittelpunkt und die Anordnung der Wege wird am Kreuz ausgerichtet. Alle Wege werden am Kreuz ausgerichtet. Häufig wird nun das Achteck als Grundform gewählt, wie z.B. in Amiens.

Das gotische Labyrinth liegt immer gleich nahe dem Eingang. Es ist die erste Einladung innerhalb der Kathedrale. Bevor man in den Chorraum weiterschreitet, wird man aufgefordert, das Labyrinth zu begehen und damit sein Leben zu bedenken, erst einmal seine Gedanken zu ordnen.

Das Bodenlabyrinth der Kathedralen

Die großen gotischen Kathedralen hatten in ihren Langhäusern Bodenlabyrinthe. Diese waren nach Westen geöffnet. In voller Breite schöpften die Labyrinthe das Kirchenschiff aus. Niemand konnte ihnen auf dem Weg zum Altar ausweichen. Jeder sollte das Labyrinth durchschreiten, um sich zu läutern und neu zu werden. In diesen Kirchenlabyrinthen bilden Halbachsen ein Kreuz über der labyrinthischen Welt: Wie Theseus, der griechische Held, hat Christus uns aus dem Tod zu neuem Leben befreit.

Eine Zerstörung der Bodenlabyrinthe in französischen Kathedralen war der Renovierung dieser Labyrinthe vorausgegangen. Die Prälaten hatten das Verständnis für deren theologische Bedeutung längst verloren und ärgerten sich allenfalls über die Kinder und einfachen Leute, die mit spielerischer Freude und etwas Lärm "la lieue" (die Meile) durchmaßen, wie in Chartres das Labyrinth in Anspielung auf die angebliche Länge des Weges genannt wurde. Da die großen Labyrinthe Umgangsfiguren waren mit einem Durchmesser zwischen 10 und 12 m, luden sie die Kirchenbesucher zum Abschreiten des ganzen Weges (in Chartres ca. 263m) ein.

Der Labyrinthtanz

Das Labyrinth steht in einer engen Beziehung zu Tänzen. Bereits bei den Felsritzungen in Capo di Ponte kann man in und neben den Labyrinthen Tänzer erkennen. In der griechischen Sage von Theseus wird berichtet, dass er mit Ariadne und den befreiten Geiseln der Insel Delos den Kranichtanz tanzte, indem er die "Wendungen des Labyrinths nachahmte".

Von fast allen französischen Kathedralen wird die Aufführung des Labyrinthtanzes am Ostersonntag berichtet. Ausführlich beschrieben wird der Tanz in einer Schrift des Kapitels von Auxerre aus dem Jahr 1396. Daraus geht hervor, dass zunächst der jüngste Kanoniker einen Ball beschaffen musste der so groß sein sollte, dass er nicht mit einer Hand gehalten werden konnte. Zu Beginn der Feier übergab der Kanoniker den Ball an den Dekan oder Bischof, der daraufhin das Osterlied "Victimae paschali laudes" anstimmte. Daraufhin bildeten alle eine Kreis und tanzten in einem Reigen um das Labyrinth, während der Dekan im feierlichen Dreischritt die Labyrinthwege entlang tanzte. Dabei warf oder reichte er den Ball den anderen immer wieder zu. Hugo Rahner hat den Ball als "Ostersonne" gedeutet, als die Sonne Christus. Die sündig verstörte Erde jubelt auf und freute sich der Erlösung durch den Herrn Jesus Christus. Da der Tanz höchster Ausdruck menschlicher Freude ist, fand so der Osterjubel seine adäquate Gestalt.

Das Labyrinth als Tanzfigur will auf den Festcharakter von Ostern und des Lebens allgemein hinweisen. Über allen verschlungenen Sorgen und Unsicherheiten steht die Aufforderung zum Tanz.

Bensheim-Auerbauch

Übrigens: Das nächste christliche Labyrinth befindet sich an der katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz in Bensheim Auerbauch auf dem Vorplatz der Kirche im Steinpflaster. Es handelt sich um ein Labyrinth nach dem Vorbild von Bayeux (Frankreich) mit 10 Umgängen und einem Durchmesser von 8 m. Eingeweiht wurde es am 20.8.2000.


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