Evanglium und Predigt zum 5. Fastensonntag

Evangelium vom 5. Sonntag der Fastenzeit: Johannes 1, 1 - 45

1 Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta.
2 Maria war jene, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren abgetrocknet hatte; deren Bruder Lazarus war krank.
3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank.
4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
5 Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus. 6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.
8 Die Jünger sagten zu ihm: Rabbi, eben noch suchten dich die Juden zu steinigen und du gehst wieder dorthin?
9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; 10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. 11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.
12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. 13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.
14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. 15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.
16 Da sagte Thomas, genannt Didymus, zu den anderen Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!

17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.
25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, 26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.
29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. 30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.
34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! 35 Da weinte Jesus.
36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
37 Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?
38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.
40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.
43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.
Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!
45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ein passenderes Evangelium hätte man kaum aussuchen können als das von der Auferweckung des Lazarus, der an einer Krankheit gestorben war: wohl die meisten von uns sitzen jetzt täglich vor dem Fernseher oder dem Radio und hören die neuesten Zahlen zur Coronaepidemie. Seit gestern wurden mehr als 5700 Menschen als infiziert registriert in Deutschland, täglich genesen Patienten, aber es sind auch bereits 253 verstorben, davon 55 am letzten Tag.

Eine Krankheit, die irgendwo im fernen China begann ist auf ihrem Siegeszug nicht mehr zu stoppen. Sie hat auch uns erreicht und wir tun jetzt alles, um die Gefahr zu mindern. Eine Gefahr, die letztlich auch für jeden von uns - wenn auch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit - zur Lebensgefahr werden kann.

Im Johannesevangelium heute begibt Jesus sich in Lebensgefahr, weil ihn die Schwestern des kranken Lazarus gerufen haben. Es sind die letzten Tage seiner irdischen Mission. Den Hohen Rat und die theologische Führungsschicht in Jerusalem hat er sich bereits so sehr zu Feinden gemacht, dass der Beschluss ihn zu töten bereits gefasst ist. Das ist der Grund warum seine Jünger entsetzt sind, als sie sehen, dass Jesus freiwillig wieder in die Nähe von Jerusalem gehen will. „Gehen wir mit um gemeinsam mit ihm zu sterben“, so sagen sie resigniert.

Jesus will von Anfang an aufzeigen, welche Dimension der Glaube hat.

Er kommt scheinbar zu spät, ganze vier Tage. Das war jenseits der Dreitagesfrist bei der man damals davon ausging, dass ein Mensch wirklich ganz und gar tot war. (Das ist auch der Grund, warum Jesus drei Tage im Grab liegen musste, vor seiner Auferstehung)

Marta, die tatkräftigere und pragmatischere der beiden Schwestern kommt ihm entgegen. Ohne vorwurfsvollen Unterton bringt sie ihren Glauben zum Ausdruck, dass Jesus ihren geliebten Bruder hätte retten können, dass sie ihm aber auch jetzt noch Rettung zutraut. Jesu Antwort, dass Lazarus ja auferstehen wird kann sie nicht zufrieden stellen.

Das kennen wir auch: der Glaube und die Hoffnung, dass liebe Menschen, die gestorben sind bei Gott weiterleben nimmt uns nicht die Trauer über den Verlust. Lazarus fehlt ihr JETZT, nie wieder seine Stimme zu hören, ihm nie wieder in die Augen schauen zu können, das macht sie unendlich traurig - der Gedanke an eine ferne Auferstehung ist da nur ein kleiner Trost.

Jesus scheint zu Martas Schwester Maria ein näheres Verhältnis gehabt zu haben als zu Marta. Vielleicht weil Maria diejenige war, die zu seinen Füßen gesessen und zugehört hatte, die ihm ihre Liebe gezeigt hatte, indem sie seine Füße salbte und mit ihrem Haar trocknete.

Ich finde es interessant, wie die praktische Marta ohne jeden Anflug von Eifersucht diese Nähe geschickt ins Spiel bringt. Jedenfalls berichtet der Evangelist nicht, dass Jesus Maria tatsächlich hätte rufen lassen, wie Marta ihr ausrichten lässt.

Als Jesus dann mit ihrer Trauer und Betroffenheit konfrontiert wird ist auch er dermaßen „im innersten erregt und erschüttert“ dass er schließlich mitweint.

Es folgt die Auferweckung seines Freundes Lazarus. Die fast schon Beiläufigkeit mit der sie berichtet wird unterstreicht, dass wir dieses Wunder nicht darauf reduzieren dürfen, was sich hier naturwissenschaftlich gesehen wirklich abgespielt haben könnte. Jesus setzt hier bewusst ein Zeichen: der Glaube besiegt den Tod. Nicht erst in einem fernen Jenseits, sondern auch schon hier und jetzt.

Jesu Reaktion auf das Sterben seines Freundes Lazarus zeigt uns, dass auch für ihn der Tod eine erschütternde und traurige Tatsache ist. Das Zeichen, das er mit seiner Auferweckung geben will besagt aber, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird, weil Gott stärker ist. Durch seinen weiteren Weg, der ihn sehenden Auges ans Kreuz führen wird verstärkt Jesus diese Botschaft noch: alles erschütternde Leid und letztlich auch der Tod sind letztlich nur Durchgangsphasen zum Leben.

Wer dieser Botschaft glaubt, der ist jetzt schon befreit von Angst. Der lebt jetzt schon aus der Fülle der Hoffnung und Zuversicht.

Leider ist aber festzustellen, dass wir diesen Glauben nicht machen können. Das können auch schon die Jünger Jesu nicht immer, wie der weitere Verlauf der Geschichte zeigt.

Der Glaube an den Sieg des Lebens über den Tod ist etwas, um das wir Gott immer wieder bitten müssen. Und er ist etwas, das wächst indem wir es leben. Gerade das wird in den letzten Tagen in der Krise deutlich:

Wir machen in diesen Tagen die Erfahrung, dass in vielen Menschen das Beste wachgerüttelt wird, was in ihnen steckt. Und das wirkt viel mehr als die Hamsterkäufe, bei denen die Angst dazu führt, dass Menschen nur noch um sich selber kreisen. Und die, vor allem wenn es um Klopapier geht, willkommene Vorlage für Satiresendungen sind.

Allerorten, auch in unserer Gemeinde sind Menschen bereit, für andere, die zu einer Risikogruppe gehören Einkäufe und Besorgungen zu erledigen, damit diese besser geschützt sind.

Medizinisches Personal, das unter Gefahr für das eigene Leben unermüdlich arbeitet für die Schwerkranken. Der italienische Priester, der das Beatmungsgerät das seine Gemeinde für ihn besorgt hatte an einen anderen Patienten weitergab - und der dann verstarb.

Alle, die Abends beim Läuten der Glocken sich im Gebet versammeln um gemeinsam oder alleine Kraft zu schöpfen mit der jeweiligen Not zurecht zu kommen.

So zeigt uns gerade diese Krise dass es stimmt, was Jesus über den Glauben sagt und was Dietrich Bonhoeffer in tiefster Nacht so formuliert hat, nämlich „… dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

Und bin sicher, „… dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.“ Dabei will ich nicht vergessen, dass Gott diese Widerstandskraft nicht im Voraus gibt, „damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Der Glaube besiegt den Tod. Amen

 

Predigtgedanken zum 4. Fastensonntag (22.3.2020)

Liebe Schwestern und Brüder,

so rede ich sie meistens an wenn in den Gottesdiensten zum Wochenende die Predigt beginnt.

Es ist für uns alle nie da gewesen, dass das nun - hoffentlich für kurze Zeit - nicht mehr möglich sein wird.

Viele von uns haben jetzt viel mehr Zeit als sonst und das gibt uns bei all dem Leid und dem Schrecken, das der Virus mit sich bringt auch Chancen:

Wir können jetzt intensiver das tun, wozu die Fastenzeit uns einlädt: in uns hinein hören und unser Leben neu ausrichten an dem Wort der Schrift.

Entdecken Sie neu die Möglichkeit, auch zu Hause (wenn möglich gemeinsam) zu beten Bibeltexte zu lesen und sich über Glaubensfragen zu unterhalten.

So werde ich von jetzt an bis zu dem Tag, an dem wir uns wieder „normal“ in der Kirche sehen können, jedes Wochenende einen Bibeltext und meine Predigtgedanken dazu an dieser Stelle ins Internet stellen und lade sie ein, sich zu Hause damit auseinander zu setzen. Wenn sie dazu Fragen und eigene Gedanken haben, können Sie sie mir gerne mitteilen, ich werde versuchen, darauf zu antworten.

 

Das Evangelium für die Sonntagsgottesdienste am 4. Sonntag der Fastenzeit:

Johannes 9, 1 - 41:

1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt?
Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?
3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.
4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte.
Der Mann ging fort und wusch sich.
Und als er zurückkam, konnte er sehen.
8 Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
9 Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.
10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?
11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen.
12 Sie fragten ihn: Wo ist er?
Er sagte: Ich weiß es nicht.
13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.
Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?
So entstand eine Spaltung unter ihnen.
17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet.
Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.
18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?
20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht.
Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!
22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!
24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.
25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?
28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.
30 Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können.
34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.
35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?
36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?
37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.
38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.
39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.
40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?
41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Predigtgedanken:

"Wer ist schuld an der Corona-Krise?" sind wir versucht zu fragen.

"Die Chinesen"? "die Italiener"? Zögerliche Politiker? Unsere übertriebene Reiselust?

Zu allen Zeiten war und ist es für Menschen eine wichtige Frage angesichts von Not und Leid: wer ist Schuld?

Schon beim Anblick des Blinden im Evangelium glauben die Menschen zu wissen: einer muss ja schuld sein. Wenn nicht er selbst, dann waren es seine Eltern, die zur Strafe für ihre Sünden von Gott ein blindes Kind zugeteilt bekamen.

Leider ist dieses Bild eines strafenden Gottes bis heute nicht auszurotten, trotz der Botschaft der Evangelien, die ganz klar sagen:
Gott straft uns nicht! Er liebt, er verzeiht, er heilt und wendet sich in Jesus ganz besonders denen zu, die ihn brauchen. Auch dann, wenn diese in den Augen ihrer Mitmenschen böses getan haben.

Wir können jetzt darüber nachdenken, inwieweit die Coronakrise eine Folge unserer Lebensgewohnheiten ist oder nicht - eines ist sie auf keinen Fall: eine Strafe Gottes.

Die Krise ist jedenfalls da und wir sind jetzt alle zum vorübergehenden Stillstand aufgerufen.

Wir haben einiges zu tun, was sonst andere für uns tun. Beispielsweise die Kinder unterrichten und betreuen.
Wir haben aber auch viel Zeit zum Nachdenken da manche gewohnte Freizeitbeschäftigungen jetzt tabu sind.

Da sind wir vielleicht etwas näher als sonst dran an dem Blinden aus dem Evangelium.

Er war verurteilt zum Betteln, saß wahrscheinlich tagein tagaus an der selben Stelle im Ort und war auf Hilfe angewiesen.

Wahrscheinlich glaubte er auch selbst, was damals allgemein angenommen wurde: dass nämlich so harte Schicksale wie das seine eine Strafe Gottes sind.

Im Gegensatz zum Blinden stehen die Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie glauben alles klar zu sehen und zu wissen, was Sache ist. Mit feiner Ironie zeigt der Evangelist aber, dass eigentlich sie die Blinden sind.

Sie sind blind, weil sie ihre Augen verschließen vor dem, was doch offensichtlich ist: dieser Jesus ist kein Scharlatan, sondern er handelt mit göttlicher Vollmacht.

Er vollbringt ausserordentliches, heilt einen Blindgeborenen.

Aber er tut es am falschen Tag, am Sabbat. Da nicht sein kann, was nicht sein darf schließen die Schriftgelehrten daraus, dass Jesus böse ist.

Sie können das Offensichtliche nicht sehen, weil das, was passiert in keine ihrer Schubladen passt.

Sie wollen nicht wahrhaben, was nicht in ihr Schema passt und finden die absurdesten Pseudoerklärungen, ja stellen gar in Frage, dass der Stadtbekannte Blinde tatsächlich blind war.

Das Verhör der Eltern des Blinden nimmt ihnen diese Illusion. Und die Eltern müssen diplomatisch antworten um nicht selbst aus der Synagoge geworfen zu werden wegen dieser Sache, die doch so offensichtlich ist.

Schließlich doch etwas verunsichert, fragen die Gelehrten den Blinden, was er von Jesus hält, aber als der ihnen die „falsche“ Antwort gibt werden sie wütend und werfen ihn hinaus.

Es ist diese blinde Überheblichkeit zu glauben, dass man alles schon wüsste und besser beurteilen könnte, auf die Jesus abzielt, wenn er sagt dass nicht die tatsächliche Blindheit das Problem ist, sondern diejenige, die wir mit unseren starren Denkschablonen selbst verursachen. - „Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“

Die gegenwärtige Krise erfordert von uns die Haltung dieses Blindgeborenen:
nüchtern und wachsam sein, mit Herz und Verstand wahrnehmen, was Sache ist und auch wenn wir vieles neu denken müssen und manch alte Überzeugung nicht mehr zu gelten scheint das anzuerkennen, was die Realität von uns erfordert.

Das heißt für mich auch andere Krisen nicht vergessen, die viel dramatischer sind als unsere Lage; etwa die Not der Menschen in den Flüchtlingscamps entlang unserer EU-Außengrenzen.

Solidarität zeigen in unserem direkten Umfeld,
sich nicht anstecken lassen vom Hamsterwahn, der vor lauter Angst vor dem Mangel genau diesen Mangel erst erzeugt.

Uralte Gewohnheiten bereitwillig ändern und die lästigen Pflichten der Hygiene einüben.

Die Bedrohung ernst nehmen, aber nicht in Panik verfallen

Ganz besonders jetzt Gottvertrauen und Zuversicht erbitten (denn das ist etwas, das wir nicht machen können), um dann intensiver als zu anderen Zeiten seine Kraft und Nähe zu erfahren.

Martin Kleespies

 

Nachwort:

Ab sofort läuten unsere Glocken in Jugenheim jeden Abend um 19 Uhr. Sie sind eine Einladung zum Gebet in der Familie, besonders natürlich an den Sonn- und Feiertagen.

Eine mir persönlich lieb gewordene Seite ist hier „Te Deum“ auf der Homepage des Klosters Maria Laach ( https://www.maria-laach.de/te-deum-heute/ )
Hier gibt es für jeden Tag kostenlos Gedanken und Gebete für den Morgen und Abend sowie die Lesungen und Evangelien des Tages mit einer kurzen Erläuterung. Diese Texte eignen sich hervorragend für die häuslichen Gebetszeiten mit Erwachsenen.

Für jedes Wochenende wird Angelika Franz eine empfehlenswerte Andacht einstellen.

Eine Anregung für das Gespräch mit ihren Kindern zu Hause wäre an diesem Sonntag: https://youtu.be/HbA17KIvw9Q 

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche,

Ihr

Br. Martin Kleespies, Pfr.