20. Sonntag im Jahreskreis - Predigtgedanken

16.08.2020 - 20. Sonntag im Jahreskreis A - Predigtgedanken

Christen haben sich ja schon an manches gewöhnt.

Dass man die Bibel nicht wörtlich nehmen darf,
dass sie nicht wie ein Zeitungsbericht zu lesen ist,
das ist mittlerweile ja weithin bekannt und wohl auch akzeptiert.

Die Dinge in der Bibel dienen häufig etwa dazu, deutlich zu machen, dass sich die Botschaft der Propheten erfüllt hat.
Und das ist etwas ganz anderes als Geschichtsschreibung

An solchen Thesen stören sich heutzutage zumindest bei uns nur noch wenige.

Womit Sie aber immer noch Unverständnis ernten und Proteststürme hervorrufen können,
das ist die Feststellung, dass Jesus von Nazareth nicht allwissend gewesen sei.
Jesus habe lernen müssen, wie jeder andere Mensch auch!

Die ersten Christengenerationen hatten mit solch einer Aussage noch wenig Schwierigkeiten.
In den ersten Jahrzehnten war völlig klar:
Jesus war Mensch,
voll und ganz, einer von uns.

Was damals sehr viel mehr Schwierigkeiten bereitete,
war der Glaube daran, dass in ihm tatsächlich Gott gegenwärtig gewesen sein soll.

Schon die Evangelien bemühen sich deshalb darum - und mit fortschreitender Zeit mehr und mehr -
immer deutlicher zu betonen,
dass Jesus nicht nur von Gott angenommen,
nicht nur von ihm erhöht worden,
sondern wirklich ganz und gar Gott gewesen ist.

Und sie haben eine hervorragende Arbeit geleistet.

Nach wenigen hundert Jahren hatten die Christen dann nämlich genau das gegenteilige Problem.

Da war das mit der Gottheit keine Frage mehr.
Auf der Strecke geblieben war mittlerweile die Menschheit Jesu von Nazareth.

Fragen Sie sich ruhig selbst, welches Bild Sie sich von diesem Jesus machen.
In weiten Teilen der Christenheit ist Christus eher so etwas, wie ein Gott,
der sich Menschennatur lediglich angenommen hat,
aber nicht wirklich Mensch war.

Die Dogmatik betonte von Anfang an, dass in Jesus von Nazareth Gott Mensch geworden ist,
in allem uns gleich, außer der Sünde.

Dann aber kann er nicht allwissend gewesen sein.

Lernen und lernen müssen sind aber keine Sünde.

Es gehört zum Menschsein ganz wesentlich dazu.

Nicht zu wissen, was morgen werden wird,
sich Herausforderungen vertrauensvoll stellen zu müssen, das ist ur-menschlich.
Und wer das nicht kennt, der ist nicht wirklich Mensch geworden.

Jesus musste lernen.

Dass dem so war,
dass er Dinge anfangs sogar falsch eingeschätzt hat,
das können Sie in den biblischen Texten erkennen.

So überliefert Matthäus ja in der heutigen Evangelienstelle, wie Jesus gesagt hat:

"Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt."

Jesus ging anfangs nicht davon aus,
dass das Heil bedingungs- und unterschiedslos für alle Menschen bestimmt sei.

Dass das Heil allen Menschen zuteilwerden solle, das musste er lernen.

Und wie ihm das beigebracht wurde, das haben wir eben gehört.

Und dieser Bericht, hat mit großer Wahrscheinlichkeit historische Wurzeln.

So etwas legt man dem, den man als Herrn und Heiland verehrt, nicht nachträglich in den Mund.

Es wundert mich eher, dass man diese Begebenheit überhaupt weiter erzählt hat.

Sie ist nämlich alles andere als schmeichelhaft.
Es gibt kaum eine Stelle in den Evangelien, an der Jesus so unsympathisch rüberkommt

Sie erinnern sich:
Jesus begegnet einer Frau,
einer Heidin,
einer Fremden,
einer von denen, mit denen Juden damals absolut nichts zu tun haben wollten.

Er kann ihr nicht ausweichen, denn
sie hat sich vor ihm auf den Boden geworfen.
Und sie bittet - nicht für sich - sie bittet für ihre Tochter, ihr Kind.

Und was sagt Jesus?

"Es ist nicht recht, das Brot den Kindern" - also den Söhnen und Töchtern Israels - "den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen“.

Er bezeichnet also diese Frau mit ihrem Kind als Hund.
Ein schlimmeres Schimpfwort im alten Orient hat es überhaupt nicht gegeben.

Und was macht diese Frau?
Sie geht nicht weg,
sie reagiert nicht beleidigt,
sie antwortet auf eine völlig entwaffnende Art und Weise:

"Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen."

An dieser Stelle konnte Jesus nicht mehr anders.

Er hilft - gegen seine ursprüngliche Überzeugung.

Hier begann er zu begreifen,
dass auch diese Frau Kind Gottes ist,
dass Gott alle Menschen liebt und dass Heil universal ist, allen Menschen gilt.

Diese Frau hat ihm die Augen geöffnet.
Sie war eine seiner Lehrerinnen: eine Frau und eine Fremde.

Und sie macht dabei wieder einmal deutlich, wie Lernen eigentlich funktioniert.

Natürlich lernt man vieles zuhause, in der gewohnten Umgebung.

Aber man lernt dort auch nur das Gewohnte,
man lernt, wie man sich immer schon verhalten hat und wie man die Dinge eben so macht.
Wirklich Neues,
bislang unbekannte Antworten, die lernen Sie am ehesten im Kontakt mit Fremden.

Ich verstehe deshalb nur wenig, wieso Menschen häufig solch eine Furcht vor dem Fremden entwickeln.

Da befürchtet man, dass Gewohntes verloren gehen könnte,
dass man gar überfremdet würde.

Dabei lehrt uns die Geschichte immer wieder,
dass es genau der Kontakt mit Fremdem und Fremden gewesen ist, der uns als Menschen vorangebracht hat.

Welchen Entwicklungsschub hat unser Gesellschaft im Mittelalter durch den Kontakt mit den Kulturen des Orients gewonnen!

Wie stark haben die Beziehungen zum fernen Osten das 18. und 19. Jahrundert befruchtet!

Was alles kam in Gang, als sich die vertriebenen Hugenotten im Großraum Berlin und in Nordhessen ansiedeln konnten!

Und wie sehr hat doch die Personenfreizügigkeit unserer Tage unsere europäischen Gesellschaften nach vorne gebracht!

Reisen bildet, so sagt man zu Recht - nicht aufgrund der zurück gelegten Kilometer,
sondern aufgrund der neuen und fremden Eindrücke und Begegnungen,
die es uns ermöglicht!

Natürlich ist nicht jeder Fremde einfach nur lehrreich und nett.
Ich kann schlechte Erfahrungen machen.

Ich gebe ein Teil meiner gewohnten Sicherheiten auf, wenn ich mich auf Neues einlasse.

Aber ich gewinne unendlich viel.

Wer sein Leben weiten möchte, braucht die Offenheit für das Unbekannte.

Ob Jesus von Nazareth diese Offenheit als Mensch wirklich hatte?

Wahrscheinlich ging es ihm gar nicht anders, als vielen von uns heute auch.

Vielleicht wäre er - wenn es nach ihm gegangen wäre -
am liebsten unter seinesgleichen geblieben.

Die Frau im Gebiet von Tyrus hat ihm aber keine Wahl gelassen.

Sie ist ihm regelrecht vor die Füße gefallen.

Da konnte er nicht anders, da konnte er jetzt nicht mehr ausweichen.

Aber er hat sich auf die Begegnung dann doch eingelassen
und allein dadurch eine der ganz wichtigen Lernerfahrungen seines Lebens gemacht.

Es kann auch für uns ganz heilsam sein,
wenn Fremde plötzlich vor der eigenen Haustüre auftauchen.
Möglicherweise kann Großartiges daraus erwachsen.

Auf alle Fälle lohnt es sich, die Herausforderung anzunehmen.