5. Sonntag der Fastenzeit - Predigtgedanken

PREDIGT ZUM MISEREOR - HUNGERTUCH 2021

(ZUSAMMENGESTELLT VON MARTIN KLEESPIES AUS DEM AKTIONSMATERIAL VON MISEREOR)

 

Was können wir mit unseren Füßen nicht alles machen!

Unsere Füße tragen und stabilisieren uns,
sie geben festen Stand.
Beim Tanzen drücken wir mit ihnen unsere Freude aus
und beim Pilgern lassen wir uns in die Weite Gottes tragen:
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps 31,9)

Verletzt verurteilen die Füße uns zur Unbeweglichkeit.

 

Schauen wir auf das MISEREOR-Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“.

Die Künstlerin ist in Chile geboren und lebt seit 1996 in Deutschland.


Das Tuch besteht aus drei Teilen (Triptychon).

Schwarze Linien zeichnen das Röntgenbild eines Fußes, der mehrfach gebrochen ist.
Der Fuß gehört zu einem Menschen, der bei einer Demonstration in Santiago de Chile durch die Polizei schwer verwundet worden ist.

Seit Oktober 2019 protestieren dort auf dem „Platz der Würde“ viele Menschen gegen ungerechte Verhältnisse.
Tausende Demonstranten wurden durch die Staatsgewalt brutal geschlagen und verhaftet.

Dieser Fuß mit den sichtbaren Verletzungen steht stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen gebrochen und zertreten werden.

Das Bild entstand zu Beginn der Corona-Pandemie im Augsburger Atelier der Künstlerin.
Auch ihr Heimatland Chile wurde schwer von dem neuartigen Virus getroffen.

Existenzängste und die drohende Überforderung des Gesundheitssystems verschärfen die bestehenden politischen und sozialen Probleme.

Lilian Moreno Sánchez ist in der Zeit der Diktatur groß geworden, die in Chile nicht wirklich aufgearbeitet wurde.
Doch sie glaubt an Veränderung, die möglich wird, wenn man sich den Gewalterfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart stellt.

Moreno Sánchez hat ein Hungertuch mit wenigen Farben gestaltet und eine ungewöhnliche Grundlage verwendet:
Es ist auf dreierlei Bettwäsche aus einem Krankenhaus und einem bayerischen Frauenkloster gemalt.

Damit macht die Künstlerin deutlich: es kommt auf die körperlichen und die seelisch-spirituellen Gesichtspunkte von Krankheit und Heilung an.

Auf dem „Platz der Würde“ hat sie Staub eingesammelt und in die Laken gerieben.
Der Stoff ist nicht glatt und makellos, graue Flecken und Falten überziehen ihn.
Er ist vielfach übereinander gelegt, an Schnittmuster erinnernd, auseinander klaffend wie verletzte Haut
und mit goldenem Zickzack wieder zusammengenäht, um Heilung zu ermöglichen.

Die schwarzen Linien des Röntgenbildes,
die verwendeten Materialien Zeichen-Kohle, Staub und Leinöl,
die karge Bildsprache verweisen auf das Sterben Christi und das Leiden der Menschen;
dagegen stehen Gold und Blumen für Hoffnung und Liebe.

Die Blumen aus Blattgold greifen das Muster der Kloster-Bettwäsche auf. Während das Röntgenbild die ganze Härte des Schmerzes zeigt, symbolisieren sie Kraft und Schönheit des neu erblühenden Lebens.

Die Linien vermitteln neben aller Schwere auch ein Gefühl von Leichtigkeit. Sie scheinen zu tanzen:
Leben ist ein Prozess, der weitergeht – auch mit verwundeten und gehemmten Füßen vertrauen wir auf die Kraft der Solidarität.

 

Das Motiv dieses verwundeten Fußes steht hier stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen gebrochen und zertreten werden.

Aber es verweist auch auf unsere Bestimmung als Menschen: Wir sind mit unseren Füßen fest auf diese Erde gestellt,
um unsere Wege zu suchen und zu gehen:
Aufrecht, in Würde und Freiheit, in Gerechtigkeit und Solidarität!

 

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31): ein Gebet in auswegloser Situation!
Dieser Vers befreit bereits in dem Augenblick, in dem man seine Worte in den Mund nimmt:
Fester Stand, weiter Raum - ein Gedanke, der aufatmen lässt.

Der Psalm atmet den Duft der Freiheit, wenn Füße schwach,
Wege uneben
und Räume eng werden –
so wie in den vergangenen Monaten, als die Corona-Pandemie unseren Radius massiv eingeschränkt hat.

Diese Krise trifft uns weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Wir erleben denselben Sturm, sitzen aber nicht alle in demselben Boot.

Die Länder des Südens trifft das Virus noch einmal härter als uns.
Wo viele Menschen sich wenig Raum teilen müssen, da ist „Social Distancing“ eine absurde Forderung.

So wie die Wirklichkeit vielschichtig ist,
ist auch das Hungertuch komplex.

Beim Anschauen spürt man nicht nur den Schmerz, sondern auch eine Kraft am Werk,
die herausbricht,
die sich weiterbewegen und einen Prozess der Umkehr anstoßen will.

In diesem Sinne lässt das Hungertuch an das biblische Gleichnis von dem Mann denken, der verletzt am Wegrand liegt (Lk 10).
Alle machen einen großen Bogen, nur der verachtete Samariter nähert sich ihm.
Die zentrale Figur der Erzählung ist dieser namenlose Verletzte, der nur »ein Mann« genannt wird.
Der sei euch der Nächste, fordert Jesus,
der Mensch, dem wir begegnen,
indem wir unsere Straße verlassen und auf den Weg des Anderen, in seine Welt hinaus aufbrechen:
„Injured lives matter - Verletztes Leben zählt!“-
Die Kirche sei ein Feldlazarett, sagt Papst Franziskus.

Jesus selbst war immer bei den Kranken, bei den Verletzten und er sagt uns heute, im Evangelium des TAges, dass wo der Herr ist,
auch sein Diener sein muss.

Wir können nicht in Chile sein,
nicht in Mianmar oder wo sonst überall die Rechte von Menschen mit Füßen getreten werden.
Wir sind in der Lage trotzdem zu helfen, indem wir Hilswerken wie Misereor die Mittel an die Hand geben.

Hier bei uns wächst in der Corona - Krise die Sehnsucht nach der Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen.

Oppositionelle in Chile haben als Slogan diesen Satz an ein großes Gebäude projiziert:

„Wir wollen nicht zur Normalität zurückkehren, denn diese Normalität war das Problem!“

Dieser Satz gilt nicht nur für Chile.
Solidarisch mit den Armen und Verletzlichen erhoffen wir den Wandel von entwürdigenden Verhältnissen,
ihre Veränderung überall dort, wo Gewalt und Unterdrückung „normal“ geworden sind.

Denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können.