Predigtgedanken zu Gründonnerstag 2021

Gründonnerstag 2021

Schrifttexte des Tages:
Lesung: 1. Kor. 11, 23 . 26
Evangelium: Joh 13, 1 - 15

 

Ich weiß nicht, ob es jemandem aufgefallen ist?

Johannes berichtet über das letzte Abendmahl völlig anders als alle anderen Evangelisten und als Paulus.

Fünf Kapitel lang schreibt er die Abschiedsreden von Jesus auf.

Zwei Kapitel widmet er der Verhaftung und der Passion Jesu.

Aber nur in einem kleinen Satz erwähnt er:
„Es fand ein Mahl statt“!

Dafür beschreibt er etwas anderes sehr genau: die Fußwaschung!

Fußwaschung statt Abendmahl?
Was will Johannes uns damit sagen?

Für ihn ist das Abendmahl im Wesentlichen Fußwaschung.

Beides meint dasselbe.
Beides gehört zusammen: Gottesdienst und Menschendienst;
religiöse Mahlfeier und hautnaher Sozialdienst,
Liturgie und Caritas.

Ohne gelebte Liebe ist Liturgie sinnlos.
Ohne Dienst am Nächsten ist Gottesdienst eine von vielen Formen des Kreisens um sich selbst.

Wascht einander die Füße (nicht den Kopf, die Füße!), das ist Jesu Auftrag.
Und den sollten wir durchaus ernst nehmen!

Er meint damit, dass sich an meiner konkreten Bereitschaft zu dienen und zu helfen, entscheidet, wes’ Geistes Kind ich bin!

  • - Ob ich anderen wirklich gut tun will, oder nur an meinen Vorteil denke,
  • - ob ich wirklich Frieden will oder Macht ausüben und mich durchsetzen,
  • - ob ich wirklich teilen will, oder nur symbolisch so tue als ob,
  • - ob ich Versöhnung schenken will, oder sie nur erwarte,
  • - ob ich mich verändern will, oder nur davon rede,
  • - ob ich mich engagiere, oder lieber alle Unannehmlichkeiten meide...

Das macht den Unterschied, ob ich Jesus nachfolge oder nicht.
Den Unterschied macht laut Jesus die Bereitschaft zur Fußwaschung…

Abendmahl und Fußwaschung gehören untrennbar zusammen.

Eine spätere Generation hat diese Feier „Eucharistie“ genannt und damit die Dankbarkeit für das Brot zum Ausdruck gebracht
und für den, der das Brot des Lebens verschenkt.

Die Worte Jesu: „Das ist mein Leib“, beziehen sich nicht nur auf das Brot,
sondern auch auf die anwesenden Menschen.

Die frühen Christen benötigten für die Eucharistie übrigens keinen ‚geweihten Priester’.
Der Gemeindeälteste oder der Haushaltsvorstand leitete die Eucharistie.

Wenn das so ist und war, darf die Kirche auch heute keiner Gemeinde das Recht und die Pflicht zur Feier der Eucharistie absprechen,
nur weil kein Priester (mehr) zur Verfügung steht.

Spätestens dann ist es Zeit, über angemessene Formen des Gottesdienstes nachzudenken.

Dafür möchte ich aber hier nicht mit dem Finger nach Rom zeigen,
und denen vorwerfen, zu wenig zum Umdenken bereit zu sein.

Zuerst mal hier bei uns, in den Gemeinden vor Ort muss sich neu die Erkenntnis durchsetzen,
dass wir als Getaufte alle miteinander nicht nur zum Schäfchen sein berufen sind,
sondern dass wir auch dann miteinander Leib Christi sind, wenn kein geweihter Priester da ist.

Bevor der Auftrag, das auch sakramental in einer Eucharistiefeier zu vollziehen heute an Gemeindeälteste gegeben werden kann,
muss sich bei erst mal bei uns, an der Basis, die Erkenntnis durchgesetzt haben,
dass das kein Sakrileg ist,
sondern eine Rückkehr zur ältesten Tradition unserer Kirche.

Für einen solchen Sinneswandel haben wir nicht mehr viel Zeit.

Die Gefahr ist groß, dass die nächste oder spätestens übernächste Generation – wenigstens bei uns – gar kein Interesse mehr an der Eucharistie hat.

 

Wir haben derzeit so hohe Kirchenaustrittszahlen, wie noch nie zuvor,
Corona lähmt unser Gemeindeleben bis fast zum Stillstand,
gleichzeitig gibt es einen pastoralen Weg,
der neue Strukturen und große Veränderungen bringt.

Das gesamte gegenwärtige Seelsorgeteam wird im Laufe des Jahres diese Gemeinde verlassen,
und durch andere ersetzt.

Viele fragen sich daher zu Recht

Was wird aus unserer Kirche?
Was wird aus unserer vertrauten, alten Gemeinde?
Was wird aus unseren Gottesdiensten?

All das sind berechtigte Fragen, die sich zurzeit aufdrängen.

Was uns die Zukunft bringt, das hängt allerdings von der Beantwortung ganz anderer Fragen ab:

Was wird aus der Caritas unserer Gemeinde?
Wo leben wir den Kernauftrag Jesu: die Fußwaschung an den Brüdern und Schwestern?
Was wird aus unserem Dienst am Nächsten und Allernächsten?

Vielleicht sollten wir darüber mal nachdenken,
anstatt immer nur auf sinkende Zahlen von Seelsorgern, Kirchenbesuchern und Geldmitteln zu schauen.

Ob sich an diesen beunruhigenden Entwicklungen etwas ändern wird,
ob auch wieder bessere Zeiten für unsere Kirche kommen,
das hängt - davon bin ich überzeugt! - davon ab,
dass wir verstehen, was der Auftrag Jesu ist,
den er uns in der Fußwaschung gibt.

Mutter Theresa kann uns helfen ihn zu verdeutlichen.
Denn von ihr stammt eine bemerkenswerte Aussage:

Wisst ihr“, sagte sie, „ich empfange jeden Tag zweimal die heilige Kommunion:
einmal morgens in der Kapelle während der Heiligen Messe.
Und dann draußen auf den Straßen Kalkuttas,
jedes Mal, wenn ich einen Armen oder Sterbenden berühre.“

Fußwaschung ist Abendmahl!

Gottesdienst und Dienst am Menschen sind zwei Seiten derselben Medaille. Das eine geht nicht ohne das andere!