3. Sonntag der Osterzeit - Predigtgedanken

21.4.2021, 3. Sonntag der Osterzeit

Der Text aus der Apostelgeschichte, den wir heute gehört haben, birgt eine große Gefahr:

Das er missverstanden wird als Anklage des Petrus an das jüdische Volk,
die Mörder Jesu zu sein.

"Ihr habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders gefordert."

Das Missverständnis, dass dieser Vorwurf nur den Juden zu gelten hätte, hat unsägliches Leid verursacht.

Jahrhunderte lang wurden Juden bei uns als Gottesmörder beschimpft.

Und lange vor den antisemitischen Gräueltaten der Nationalsozialisten
gab es antijüdische Pogrome in der abendländischen Christenheit,
die dem Mord an Millionen unschuldiger Menschen im Holocaust
erst den Boden bereitet haben.

Aber steckt dahinter wirklich nur ein Missverständnis,
eine unschuldige Fehlinterpretation einiger Bibelstellen?

Ich glaube nicht.

Der Feuereifer, den man darauf verwendete, die Juden zu verfolgen und zu bestrafen, der beruht nicht einfach auf einem Missverständnis.

Es ist der wohlfeile Versuch, von sich selbst abzulenken,
und Versagen und Verrat an Jesus und seiner Botschaft,
die es zu allen Zeiten und in allen Nationen gibt,
EINEM Volk in die Schuhe zu schieben.

Die Psychologen sagen, dass Menschen den größten Hass,
die größte Wut gegen Dinge richten,
die sie an sich selbst nicht leiden können.

Eine Christenheit,
eine Kirche,
die wirklich nach dem Evangelium Jesu lebt,
die wäre zu einem solchen Haß,
zu so mörderischem Wüten nie in der Lage gewesen.

Petrus spricht ganz einfach zu seinen Landsleuten,
die allesamt Juden waren,
genauso wie Jesus auch.

Sie waren das Volk Gottes,
und das ist es, was sie mit uns allen gemeinsam haben.

Der Vorwurf des Petrus, Jesus zu verraten geht also auch an uns.

An unsere Kirche,
die einen Hans Küng,
einen der ganz großen und visionären Theologen unserer Zeit
mit einem Lehrverbot zum Schweigen zu bringen versucht hat,
weil er unbequeme Anfragen gestellt hat an die Unfehlbarkeit der Päpste,
und die es nicht schafft, seine weit über das Christentum hinaus reichenden Verdienste
und die Bedeutung seiner Weltethos-Stiftung für ein friedliches Zusammenleben der Religionen und Völker
durch ein offizielles Zeichen der Versöhnung zu würdigen.

Ganz bewusst ließ man ihn unversöhnt sterben -
am letzten Freitag wurde er beerdigt.

Eine Kirche, die eher Menschen den Segen für liebevolle Beziehungen und Partnerschaften verweigert,
als die Botschaft des Evangeliums in eine Lehre zu fassen,
die dem Kenntnisstand heutiger Wissenschaft entspricht,
und der Sprache und dem Denken unserer Zeit verständlich wäre.

Die Amtseide einfordert, obwohl Jesus ausdrücklich gesagt hat,
dass wir keine Eide schwören sollen.

Ich könnte diese Liste fortsetzen, aber das währe gefährlich!

Denn auch das könnte der billige Versuch sein,
diesmal nicht die Juden,
sondern „die da oben“ in der Kirche als Sündenböcke herzunehmen,
für das eigene Versagen.

Denn natürlich meint Petrus nicht nur seine Nachfolger,
sondern jeden.

Ich muss mich fragen lassen,
wir alle müssen uns die Frage gefallen lassen:

Wo verrate ich, wo verraten wir Jesus?

Wie ist mein ganz persönlicher Umgang mit Besitz und Macht?

Stelle ich wirklich in allem das dreifache Liebesgebot an die erste Stelle:
Du sollst Gott lieben über alles und deinen nächsten wie dich selbst?

Lebe ich tatsächlich so, dass -wie die Hl. Therese von Lisieux gesagt hat - „nur die Liebe zählt“?

Oder bricht sich auch bei mir manchmal der Egoismus Bahn?
Lasse ich Frust und Wut an anderen aus?
Urteile und verurteile ich?
Bin ich gierig und besessen von materiellen Dingen?

Auch hier ließe sich die Liste beliebig lang fortsetzten.

Aber im Unterschied zu den Vorwürfen gegen andere macht das überhaupt keinen Spaß.

Gott sei Dank haben wir heute nicht nur die Lesung,
wir hören auch im Evangelium,

dass Jesus all das Böse und Destruktive besiegt hat, das in uns Menschen wohnt.

Dass er uns nicht nur einen Weg zeigt,
heraus aus den Verstrickungen des Bösen,
sondern dass er ihn schon gegangen ist.

Durch seinen Weg ans Kreuz, den er - davon bin ich überzeugt - auch in unserer Zeit wieder gehen müsste,
und durch seine Auferstehung, die allen Tod besiegt hat.

Aus dem tödlichen Sumpf des Bösen kann niemand sich alleine an den eigenen Haaren herausziehen.

Unser Kreuz in Seeheim zeigt das:

Der gekreuzigte und Auferstandene Herr streckt uns seine Hand entgegen.
Er gibt uns den Halt, den wir brauchen,
wir müssen seine Hand nur ergreifen.