Predigtgedanken zum Fest der hl. Familie, 26.12.2020

„Ihr Frauen ordnet Euch Euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!“ Steht – wie wir gehört haben – tatsächlich in der Bibel. (nicht die einzige Stelle!)

Wir können kaum übersehen, dass auch unsere Tradition ziemlich patriarchalisch geprägt ist!
So eine Forderung können wir heute nicht mehr ernsthaft erheben.

Auch die Tatsache, dass ja auch Forderungen an die Kinder und an die Väter gestellt werden,
hilft uns wenig.

In einer Gesellschaft, die darauf Wert legt, dass Menschen gleichwertig sind und sich auf Augenhöhe begegnen,
da erregt die Aufforderung an die Frauen, sich ihren Männern unterordnen zu sollen einfach nur Ärgernis,
und zwar zu Recht!

 

Jene Teile des NT, in denen versucht wird ganz konkret zu beschreiben, wie Christen sich verhalten sollen,
die werden deshalb oft gar nicht mehr vorgelesen,
man kann sie ja eigentlich immer durch Alternativtexte ersetzen.

Das ist eigentlich schade,
denn auch diese Texte atmen nicht nur den Geist des Evangeliums,
sie enthalten neben den heute nicht mehr tragfähigen Regeln
oft auch tiefe christliche Weisheit.

Das zeigt uns das heutige Beispiel:

Bevor der Briefschreiber mit seinen Mahnungen beginnt,
macht er zuerst einmal deutlich,
welche Würde wir als Christen haben:

Wir sind „auserwählte Gottes",
„Heilige“ und „Geliebte“.

Das ist nicht unser Verdienst, all das hat Gott uns geschenkt.
Das macht die Würde eines Christen aus.
Jeder Mensch - ein einmaliges, von Gott geliebtes Wesen:

Von dieser Grundlage aus ergehen dann die Mahnungen:

Fünf wichtige Grundhaltungen werden aufgezählt:

als erste inniges Erbarmen.
Im griechischen Text heißt es wörtlich:

„Eingeweide des Erbarmens“.
Die Eingeweide waren für Griechen wie für Juden der Sitz der Gefühle.
Wir sagen heute noch:
Es geht mir etwas an die Nieren, liegt mir im Magen, wir sprechen von einem Bauchgefühl…

Das Wohl und Wehe des Nächsten soll uns zutiefst berühren. (Flüchtlinge, Arme, Kranke)
Die Forderung nach innigem Erbarmen ist eine klare Absage an jede Form von Gleichgültigkeit, Kälte, Gefühllosigkeit!

 

(Güte, Demut, Milde, Geduld)

Eine zweite wichtige Grundhaltung ist die Güte.
Güte tut weit mehr, als vorgeschrieben ist.
Sie ist Liebe im Überfluss.
In unserer heutigen wettbewerbsorientierten Welt wird die Güte oft abwertend als falsche Nachgiebigkeit gesehen.
Gutmütige Trottel, die sich leicht ausnutzen lassen – so werden Menschen, die mehr geben als sie müssten oft angeschaut.

Im Neuen Testament hat Güte einen durch und durch positiven Sinn.
Die Gütigen halten lebendig,
was unserer Gesellschaft heute oft fehlt
und was doch so viele zuinnerst ersehnen:
Wärme, Verstanden werden, Geborgenheit.

Die beiden nächsten Haltungen sind Demut und Milde.
Auch sie werden und wurden in unserer leistungsorientierten Welt oft negativ beurteilt,
Demut gilt dann als Unterwürfigkeit und Kriecherei,
Milde als zu große Gefühlsduselei und Schwäche.

Im Neuen Testament haben auch diese beiden Haltungen eine positive Bedeutung.

Demut verzichtet auf die Jagd nach den ersten Plätzen,
sie lässt Raum, dass auch andere sich entfalten können,
sie hat keine Angst, zu kurz zu kommen.
Sie ist ein Gegenentwurf zu überzogener Selbstdarstellung und Karrieresucht.

Die Milde ist für jede Gemeinschaft wichtig.
Sie hält das Gift der Aggression von ihr fern oder befreit sie davon.
Ich denke da an die aggressive Auseinandersetzung um die Rodung eines Waldstückes im Danneröder Forst,
oder auch an so manchen so genannten Shitstorm im Internet.

Milde heißt aber auch, dass man auf die verblendeten und aggressiven Aktionen selbst ernannter Aktivisten
nicht seinerseits wieder mit Aggression reagiert.

Schließlich die Geduld.

Sie ist in der Bibel oft als eine Eigenschaft Gottes beschrieben,
genauso wie Erbarmen und Güte.
Geduld meint aber nicht das Schweigen der Lämmer, wenn der Schlachter kommt!
Sie ist keine passive Haltung.
Geduld meint das tapfere Standhalten, die Stärke im Aushalten und Durchtragen von Belastungen (Gerade jetzt in der Coronapandemie brauchen wir besonders viel davon!)

Geduld macht Menschen fähig, auch schwere Ziele zu erreichen.

So etwa der Jugendliche, dem es schwer fällt zu lernen,
der sich immer doppelt so lange hinsetzen muss wie andere,
um eine Klausur zu schaffen – aber trotzdem nicht aufgibt.

 

(Gegenseitige Vergebung und Liebe)

Trotz allen Mühens bleiben wir fehlerhafte Menschen.
Auch dafür hat der Brief ein Heilmittel bereit:

Die gegenseitige Vergebung.

Der Kolosserbrief ist ganz nüchtern:
Wo Menschen Zusammenleben, gibt es Schwierigkeiten.
Menschen sind verschieden, oft auch höchst kompliziert.

Ohne ständige Bereitschaft zur Versöhnung klappt keine Gemeinschaft,
keine Gemeinde,
keine Freundschaft,
und keine Beziehung.

Als wichtigste Haltung von allen bezeichnet der Brief jedoch die Liebe!

Sie wird das Band genannt, das alles zusammenhält.
Mehr noch:
Die Liebe macht alles vollkommen.
Vollkommen meint hier nicht Perfektion,
sondern die Bereitschaft, gerade auch das, was unvollkommen und problematisch ist,
liebevoll anzuschauen,
es zuzulassen,
nicht mit Aggression und Wut darauf zu reagieren.
Nicht den Schuldigen zu suchen, um ihn fertig zu machen.

Man kann sagen, der Kolosserbrief fasst in wenigen Zeilen zusammen,
was wichtig ist für unser Zusammenleben als Christinnen und Christen:

Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld –
getragen und ermöglicht von der Liebe Gottes!

 

Es wäre doch schade, so einen Text zu ignorieren,
nur wegen eines Satzes, den wir heute nicht mehr nachvollziehen können.