6. Sonntag der Osterzeit 2020 - Predigtgedanken

17. Mai 2020, 6. Sonntag der Osterzeit - Predigtgedanken

Schrifttexte des Tages:

  • 1. Lesung: Apostelgeschichte 8, 5-8, 14-17
  • 2. Lesung: 1. Petrusbrief 3, 15 - 18
  • Evangelium: Johannes 14, 15 - 21

Wenn Du mich lieben würdest, dann würdest Du dieses oder jenes tun - oder eben auch nicht tun.

So oder ähnlich setzen Menschen, die sich nahe sind einander manchmal unter Druck.

Wenn Du mich lieb hättest, dann würdest Du mehr Zeit mit mir verbringen,
wenn Du mich lieb hättest, dann würdest Du nicht unseren Hochzeitstag vergessen,
wenn … dann …

Dieses Verhalten ist Problematisch.
Wir projizieren unsere Vorstellungen von einer liebevollen Beziehung, von einer guten Partnerschaft auf den anderen.

So wie Bert Brecht es in einem seiner Gedichte beschreibt:

"Was tun Sie", wurde Herr K. gefragt, "wenn Sie einen Menschen lieben?"
"Ich mache einen Entwurf von ihm", sagte Herr K., "und sorge, daß er ihm ähnlich wird." "Wer? Der Entwurf?"
"Nein", sagte Herr K., "Der Mensch.“

So haben wir viele Entwürfe im Kopf, wie ein Mensch zu sein hat, eine Mutter, ein Vater, eine Lehrerin, ein Polizist oder auch der Pfarrer.

Und wenn ein Mensch diesem Bild nicht entspricht, dann folgern wir messerscharf, dass bei ihm ja wohl etwas nicht stimmt.

Wenn es sich um Partner oder Partnerin handelt eben, dass da keine wirklich Liebe vorhanden sei.
Würde er oder sie mich wirklich lieben, dann entspräche er oder sie ja meiner Vorstellung.

Durch den Druck, den wir dadurch aufbauen, erreichen wir meistens das Gegenteil.
Wir verletzen den anderen,
er kommt in eine Verteidigungshaltung,
Distanz und Fremdheit nehmen zu, die Enttäuschung wächst - auf beiden Seiten.

Es funktioniert so offensichtlich nicht.
Dass ein Mensch einen anderen liebt, das lässt sich nicht beweisen und jeder Versuch einen solchen Beweis zu erbringen oder einzufordern beschädigt das Wesen der Liebe.

Auch wenn Menschen sich in der Pfarrgemeinde, im Beruf oder im Verein anders verhalten, als ich es erwarte, dann heißt das noch lange nicht, dass ich berufen wäre diese unter Druck zu setzen.
Das Leben ist bunter als wir uns vorstellen und die Wahrheit ist selten einfach.

Jedes Mal wenn ich das heutige Evangelium höre, erinnern mich die Worte Jesu an dieses unselige Verhaltensmuster, das unter uns weit verbreitet ist.

Wenn jemand nicht meiner Erwartung entspricht, dann versuche ich diese Person zu ändern.

Ist Jesus etwa genauso?

Fordert auch er Beweise dafür, dass wir ihn lieben?

Knüpft er unsere Beziehung an ihn etwa auch an ein ganz bestimmtes Verhalten?

Wenn Du nicht jeden Sonntag in die Kirche gehst liebst Du mich nicht?

Wenn Du jetzt in der Coronakrise vorsichtig und ängstlich bist, lieber noch keine Gottesdienste feiern willst, dann vertraust Du mir nicht genug, mit anderen Worten liebst mich nicht?

Oder umgekehrt: wenn Du zu denen gehörst, die alle Hygieneregeln lieber gestern als heute übertreten würden, weil sie keine große Gefahr sehen:
Könnte Jesus denen etwa sagen: wenn Du auf Öffnung drängst bist du rücksichtslos und gefährdest andere? Mit anderen Worten: liebst mich nicht?

Wenn Jesus so reagieren würde, dann wäre seine Liebe genauso einengend und verständnislos, wie es unsere menschliche Liebe leider manchmal ist.

Wie immer, wenn es um Jesu Wort geht, müssen wir aber genau hinschauen:

„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten!“

So sagt Jesus und die nächste Frage muss dann ja wohl sein, was denn „seine Gebote“ sind.

Was ist es, das wir einhalten würden, wenn wir Jesus liebten?

Als Antwort liegt es da auf der Hand an das Gebot zu denken, von dem Jesus gesagt hat, dass es das wichtigste von allen sei,
die Erfüllung des ganzen Gesetzes und aller Gebote:

„Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!“

Was Jesus sagt heißt also mit anderen Worten: wer mich liebt, der liebt auch den himmlischen Vater, seinen Nächsten und genauso sich selbst.

Das ist keine Forderung, sondern eine Zusage Jesu:
Meine Liebe gib dir die Kraft, wirklich zu lieben, nicht ängstlich, nicht egoistisch.

Den Anderen nicht einengen, nicht mich selbst unter Druck setzen,
frei werden von dem starren Bild in meinem Kopf wie jemand zu sein hat,
wie ich selbst zu sein habe - das wird möglich durch die Liebe Jesu, wenn wir uns darauf tatsächlich einlassen.

Und warum ist das so?

Weil Jesu Liebe bedingungslos ist.
Ich liebe Dich, egal, was in deinem Leben gerade schiefläuft,
egal, ob du deine eigenen Erwartungen oder die Erwartungen anderer gerade nicht erfüllen kannst oder willst.

Du musst nichts bestimmtes tun oder lassen um meine Liebe zu gewinnen, sie ist einfach da und ich werde sie von dir nie zurückziehen.

Wenn wir das verstanden haben,
erst dann werden wir fähig sein, als Christin oder Christ zu leben.

Erst dann werden wir in der Lage sein, andere nicht zu be- oder gar verurteilen.
Andere nicht mit offenem oder subtilen Druck ändern zu wollen, letztlich nur mit dem Ziel, sie an unsere Vorstellungen anzupassen,
anstatt sie respektvoll als die Menschen zu akzeptieren, die sie sind.

Wenn ihr mich liebtet, dann würdet ihr auch den himmlischen Vater, den Nächsten und nicht zuletzt auch Euch selbst wirklich vorbehaltlos lieben.

Mit diesem Wort will Jesus uns nicht unter Druck setzen, es ist eine Verheißung.

Ich wünsche mir und Ihnen allen, dass wir diese Liebe und dieses Erbarmen Jesu erfahren, so wie Paulus damals vor Damaskus.

Diese Erfahrung seiner Nähe und Liebe die uns frei macht genauso zu lieben wie er.
Denn nur so, nur im Bewusstsein seiner Liebe zu uns, werden wir seine Gebote halten können.

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche,

Ihr

Br. Martin Kleespies, Pfr.