4. Sonntag im Jahreskreis, 31.1.2021 - Predigtgedanken

Bibeltexte des Sonntags:

Lesungen: 1.) Dtn 18, 15-20; 2.) 1 Kor 7, 32-35
Evangelium Mk 1, 21-28

 

Was ist eigentlich ein unreiner Geist (Dämon)?

Ich weiß es nicht.
Eine echte Antwort auf diese Frage konnte ich bislang nirgends finden.

Was aber fangen wir dann damit an, wenn das Evangelium von Dämonen spricht?

Was bedeutet es, wenn Jesus Dämonen austreibt?

Wie gesagt, ich kann Ihnen keine exakte Erklärung geben.

Ich kann Ihnen nur sagen, was mir geholfen hat, es zu verstehen.

Goethe hat den Ausdruck geprägt vom "Geist, der stets verneint".
Und das ist schon ein Hinweis, wie wir dieses Sprechen von Dämonen verstehen können.

Sehr interessant ist auch der Begriff,
mit dem Fridolin Stier in seiner Übersetzung des Neuen Testamentes den Begriff "Dämon" übersetzt hat.

Er spricht nämlich nicht von "Dämonen",
sondern von „Abergeistern“. (Der Geist, der stets verneint?)

Und dieses alte deutsche Wort, kann uns helfen,
diesen Begriff des "Dämons" für uns und für unsere Zeit begreifbar zu machen.

Denn dieses Phänomen, das kenne wir alle:

Genau zu wissen, was richtig wäre,
was jetzt getan werden müsste,
und was notwendig wäre;
dann jedoch mit einem ganz langgezogenen "Ja, aber..." gleich wieder alles zunichte zu machen:
jeden Antrieb,
jede Veränderung,
jeden Schritt in die richtige Richtung.

Da weiß ich genau, dass ich mich mehr bewegen müsste,
aber es gibt doch noch so viel, was zu tun ist -
und dann muss man sich doch auch wieder umziehen und duschen und, und, und.

Es wäre so wichtig, mehr auf die Umwelt zu achten,
weniger zu konsumieren,
weniger zu reisen,
weniger Müll zu produzieren,
aber: — da sind die alten Gewohnheiten,
der Wunsch nach Annehmlichkeiten und einem guten Leben.
Umweltfreundliche Häuser und Autos sind ja viel zu teuer…
und und und
Und deshalb kommen wir den immer wieder formulierten Umweltzielen nicht näher.

Wir bräuchten so dringend die zugesagte totale Transparenz in Sachen Aufklärung der Hintergründe des Sexuellen Missbrauchs in der Kirche um die richtigen Konsequenzen ziehen zu können.
Aber dann sind halt doch die Interessen mächtiger und einflussreicher Würdenträger betroffen,
ganze Heerscharen von Anwaltskanzleien sind beschäftigt
und aus der versprochenen totalen Aufklärung wird
ein Tauziehen um jedes Wort, das nach außen dringt.

Reformen in der Kirche sind seit Jahrzehnten überfällig,
aber da ist der erbitterte Kampf zwischen Reformern und Reformgegnern in der Kirche,
die Weltkirche ist etwa in Sachen Abschaffung des Zölibates oder Priestertum der Frau nicht auf einen Nenner zu bringen -

Und Reformen stauen sich an allen Ecken und Enden,
denn es heißt immer wieder:
aber, aber, aber.

Abergeister.

Sie begegnen manchmal als innerer Schweinehund oder Trägheit,
manchmal sind es (scheinbare) Sachzwänge,
oder die globalen Verflechtungen,
dort die weltkirchlichen Zusammenhänge...

Gemeinsam ist ihnen allen:
sie lähmen,
sie verhindern jede positive Veränderung
und lassen uns letztlich im Nichtstun erstarren.

Das eigentliche Problem dabei ist aber nicht, dass wir nicht perfekt sind.
Natürlich ist es nicht gut, wenn wir genau wissen, was wir tun müssten,
es aber nicht schaffen, das dann auch umzusetzen.

Wirklich tragisch ist jedoch vielmehr das, was diese Unfähigkeit mit uns macht:
Sie trübt unseren Blick auf uns selbst und auf unsere Möglichkeiten.

Wenn ich mich oft genug in einer Situation als gelähmt erfahren habe,
dann glaube ich schließlich selbst, dass ich halt einfach lahm bin.

Dass ich nicht gut genug bin um ganz einfach konsequent das zu tun,
was richtig ist.

Ich fühle mich unfähig, klein und dumm - und das lähmt mich dann erst recht.

Die Kirche nannte das früher die „lähmende Sünde“.

Die lähmende Sünde schaut nicht nach vorne, sondern blickt ständig zurück auf unsere Fehler und Schwächen.
Sie sieht bis hin zur Sünde des ersten Menschenpaares die Menschen als schlecht an.

Dabei steht doch ganz am Anfang aller Religion das Staunen und die Freude über Gottes Schöpfung,
so wie sie uns beispielsweise im wunderbaren Schöpfungsbericht im Buch Genesis beschrieben wird.
Am Ende einer jeden Strophe sagt Gott: Es war gut, sehr gut sogar!

Jede Religion, die diesen Namen verdient, muss deshalb zuallererst mit Freude und Dankbarkeit beginnen,
auch wenn sie weiß und es nicht verschweigt, dass die Sünde, das Böse zum Leben des Menschen gehören.

Dem Mann in der Synagoge von Kafarnaum fehlten Freude und Dankbarkeit,

weil er besessen war von dem Ungeist, der alles Gute und Schöne in ihm verneinte.

 

Wer sich selbst jedoch nur negativ sieht,
wer sich selbst nicht annehmen und lieben kann,
der ist auch nicht in der Lage, die eigene Würde vor Gott und den Menschen dankbar zu sehen.

Zu all diesen lähmenden Gedanken und Gefühlen sagt Jesus stellvertretend zu dem Mann in der Synagoge:
„Schweigt!
Verlasst diesen Menschen!“
Aus einem Unreinen wird im gleichen Augenblick ein reiner Mensch.
Für ihn hat, beispielhaft für uns alle, das Heil begonnen.

 

Heil hat mit Heilung zu tun.
Ein harmonisches Leben im Frieden mit sich selbst,
ein einfacher Lebensstil ohne Gier und Machtgelüste zeigen die Heilung und das Heil das ein Mensch erfahren hat.
Die Menschen staunen, als sie sehen, was aus einem Menschen werden kann,
wenn er befreit wird,
wenn er sich lösen kann von den Abergeistern,
und sie begreifen, was ein Erlöster ist:

Einer, der erfahren hat, dass wir diese Befreiung nicht selbst machen können und müssen,
sondern dass sie uns von Gott geschenkt wird.

Gott hat es damals vollbracht
und er schafft es auch heute.